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23 Krankheiten

⚡ Kurzfazit (TL;DR)

Cannabis-Krankheiten sind fast immer Klimafolgen: zu hohe Luftfeuchte, schlechte Luftzirkulation, geschwächte Pflanzen. Wer Klima und Hygiene beherrscht, verhindert den Großteil. Die vier wichtigsten Pilzprobleme sind Echter Mehltau (weißer Belag auf Blättern), Grauschimmel/Botrytis (Blütenfäule → Kap. 6/14), Falscher Mehltau und Wurzelfäule (Pythium → Kap. 9). Das größte neue Thema ist kein Pilz, sondern ein Viroid: das Hop Latent Viroid (HLVd) verursacht das „Dudding"-Syndrom (kümmernde Pflanzen, kleine Blüten, weniger Wirkstoff), überträgt sich vor allem über Stecklinge und Werkzeuge und ist oft symptomlos — nur ein Labortest findet es sicher [Q52, Q53]. Heilbar ist es nicht; es hilft nur Hygiene, Quarantäne und Testen.


Worum es geht & warum es zählt

Eine Krankheit kann in Tagen eine Ernte vernichten — und manche, wie HLVd, schwächen einen ganzen Grow schleichend, ohne dass man die Ursache sieht. Anders als bei Schädlingen gibt es bei den meisten Krankheiten kein Gegenmittel, das wirklich heilt: Es zählt Prävention und schnelles, großzügiges Entfernen befallenen Materials. Dieses Kapitel zeigt, wie man die wichtigsten Krankheiten erkennt, auseinanderhält und ihnen vorbeugt.


🟢 Grundlagen (Basis-Ebene)

Warum Krankheiten entstehen

Die meisten Erreger sind opportunistisch — Sporen sind quasi immer in der Luft, brauchen aber bestimmte Bedingungen, um zuzuschlagen:

  • Luftfeuchte dauerhaft zu hoch (Pilze lieben feucht-warm)
  • stehende Luft in dichten Beständen (Feuchte staut sich)
  • Temperaturschwankungen → Kondenswasser auf Blättern/Blüten
  • geschwächte Pflanzen (Mangel, Stress, pH-Fehler)
  • Kontamination über Werkzeuge, Hände, andere Pflanzen

Vier Pilze + ein Viroid — die Übersicht

Krankheit Sitzt wo Leitsymptom Vertieft / Verweis
Echter Mehltau Blattoberseite weißer, mehliger Belag hier
Falscher Mehltau Blattunterseite Flecken oben, Belag unten hier
Botrytis (Grauschimmel) Blüteninneres graubraune Fäule Kap. 6 & 14
Wurzelfäule (Pythium) Wurzeln braun, matschig, faulig Kap. 9
HLVd (Viroid) ganze Pflanze „Dudding", kümmern eigener Abschnitt

🔵 Vertiefung (Profi-Ebene)

Echter Mehltau (Golovinomyces spp.)

Sehr häufig im Indoor-Grow. Erkennung: weiß-grauer, mehliger Belag auf der Blattoberseite, beginnt als kleine Kreise und breitet sich rasch aus [Q54, Q55]. Gefördert durch warm-feuchtes Klima mit stehender Luft [Q56].

Bekämpfung/Vorbeugung:

  • Luftfeuchte runter (Blüte 40–50 %), Luftzirkulation erhöhen, dichte Stellen ausdünnen [Q56].
  • Kaliumbicarbonat-Spray tötet Sporen bei Kontakt (≈1 TL/L), alle ~3 Tage — eines der wenigen Mittel, die auch in der Blüte relativ sicher sind [Q54, Q55].
  • Milch-Wasser (1:9) und Bacillus subtilis-Präparate als ergänzende Optionen.
  • Schwefelverdampfer sehr wirksam — niemals in der Blüte (Geschmack/Rückstände).
  • Befallene Blätter in Tüte entfernen, nicht kompostieren.

Falscher Mehltau (Peronospora/Plasmopara)

Seltener, aber aggressiver. Abgrenzung: Flecken (gelb bis olivbraun) auf der Oberseite, grau-weißer Belag auf der Unterseite — beim Echten Mehltau ist es umgekehrt. Gefördert durch Staunässe/sehr hohe Feuchte. Prävention (Klima/Drainage) ist entscheidend, da schwer bekämpfbar.

Botrytis & Wurzelfäule (Verweise)

  • Botrytis (Grauschimmel/Bud Rot): die verheerendste Blütenkrankheit; Klima-Logik, Keimbedingungen und Spätblüte-Risiko sind in Kap. 6 & 14 vertieft [Q14, Q19]. Kurz: rF < 50 %, kräftige Umluft, befallene Blüten sofort großzügig entfernen (2–3 cm gesundes Gewebe mit), nie konsumieren.
  • Wurzelfäule (Pythium/Phytophthora): Wurzeln braun/matschig, fauliger Geruch, Welken trotz feuchtem Substrat. Ursache und Gegenmaßnahmen (Wassertemperatur, Sauerstoff, Trichoderma) in Kap. 9 [Q25].

🦠 Das große Thema: Hop Latent Viroid (HLVd)

HLVd ist derzeit das wirtschaftlich bedeutendste Pathogen im Cannabisanbau [Q53]. Ein Viroid ist noch kleiner als ein Virus — nur ein kurzer RNA-Strang ohne Proteinhülle, der die Wirtszelle zur Vermehrung kapert.

Symptome („Dudding"-Syndrom): kümmernder, gedrungener Wuchs, brüchige Zweige, verformte/kleinere Blätter, kleinere und weniger Blüten, geringerer Wirkstoffgehalt [Q52, Q53]. Das Tückische: HLVd ist oft symptomlos — gerade in der Vegetation und bei frisch infizierten Pflanzen sieht man nichts [Q53].

Übertragung: vor allem über Stecklinge von infizierten Mutterpflanzen; außerdem mechanisch über Werkzeuge und Hände, in Hydro Wurzel-zu-Wurzel; eine Übertragung durch Wurzelläuse wird vermutet [Q53].

Erkennen = Testen: Sicher nachweisbar nur per Labortest (PCR). Empfehlung: eingehende Pflanzen/Stecklinge ~30 Tage quarantänisieren und in Woche 3 testen; Wurzelproben sind bei jungen Pflanzen oft zuverlässiger als Blätter, mehrere Proben aus verschiedenen Höhen nehmen [Q52, Q53].

Management (keine Heilung):

  • Strikte Hygiene & Werkzeug-Sterilisation10 % Bleichlösung, Werkzeuge ~60 s einlegen, zerstört das Viroid [Q53].
  • Nur getestet sauberes Vermehrungsmaterial verwenden, neue Pflanzen quarantänisieren.
  • Infizierte Pflanzen isolieren/entfernen.
  • Sauberes Genmaterial lässt sich per Meristem-Gewebekultur aus infizierten Stämmen retten [Q53].

🛠 Praxis / Schritt für Schritt

  1. Vorbeugen (Klima): Blüte rF < 50 %, kräftige Umluft, keine kalt-feuchten Nächte (→ Kap. 6).
  2. Hygiene: Werkzeuge vor jedem Schnitt desinfizieren (Isopropanol/Bleiche), keine Straßenkleidung, neue Pflanzen 2–4 Wochen Quarantäne.
  3. Überwachen: Blütenbasis und Blattunter-/oberseiten regelmäßig prüfen; bei unerklärlich kümmernden Pflanzen an HLVd denken.
  4. Bestimmen: Symptom dem Erreger zuordnen (siehe Diagramm).
  5. Handeln: befallenes Material großzügig entfernen; bei HLVd-Verdacht testen statt raten.

📋 Fallbeispiele

Fall 1 — Die schwache Mutterpflanze (HLVd). Alle Stecklinge einer Mutter wachsen kümmerlich, mit brüchigen Zweigen und enttäuschend kleinen Blüten — ohne Schädlinge, ohne klassische Mangelbilder. → Ursache: HLVd, über die Mutter auf alle Klone übertragen, lange symptomlos [Q53]. → Lösung: PCR-Test; infizierte Mutter und Klone entsorgen, Werkzeuge mit 10 % Bleiche sterilisieren, künftig nur getestetes Material; sauberen Phänotyp ggf. per Gewebekultur retten [Q53].

Fall 2 — Mehltau in der stehenden Ecke. In einer schlecht durchlüfteten Zeltecke zeigt sich weißer, mehliger Belag auf den oberen Blättern. → Ursache: feuchte, stehende Luft → Echter Mehltau [Q56]. → Lösung: Umluft verbessern, dichte Stellen ausdünnen, Feuchte senken, Kaliumbicarbonat alle 3 Tage; befallene Blätter in Tüte entfernen [Q54].

Fall 3 — Welken trotz feuchtem Topf. Die Pflanze hängt, das Substrat ist nass, die Wurzeln sind braun und riechen faulig. → Ursache: Wurzelfäule (Pythium) durch warmes, sauerstoffarmes Wasser/Staunässe [Q25]. → Lösung: Bewässerung reduzieren, Wassertemperatur < 22 °C, belüften, Trichoderma (→ Kap. 9).


⚠️ Häufige Fehler & Troubleshooting

Fehler Folge Behebung
rF in der Blüte zu hoch Botrytis, Mehltau < 50 %, Umluft (→ Kap. 6) [Q14]
Stehende Luft im Bestand Pilzherde Ventilatoren durch den Bestand richten
Kümmern als „Mangel" gedeutet HLVd breitet sich aus bei Verdacht PCR-Test [Q53]
Werkzeuge nicht sterilisiert mechanische HLVd-Übertragung 10 % Bleiche, 60 s [Q53]
Schwefel in der Blüte Geschmack/Rückstände nur in der Veg
Befallene Blüten getrocknet Schimmel im Trockenraum vor Einlagerung prüfen

📊 Visuals

Diagramm 1 — Krankheits-Bestimmung nach Symptom:

flowchart TD
    A["Symptom?"] --> B["weißer Belag<br/>Blattoberseite"]
    A --> C["Flecken oben,<br/>Belag unten"]
    A --> D["graubraune Fäule<br/>im Blüteninneren"]
    A --> E["Wurzeln braun,<br/>matschig, faulig"]
    A --> F["kümmern, brüchig,<br/>kleine Blüten, KEIN Schädling"]
    B --> B1["Echter Mehltau → Kalium-Bicarbonat, Luft"]
    C --> C1["Falscher Mehltau → Klima/Drainage"]
    D --> D1["Grauschimmel (Botrytis) → entfernen, rF<50% (Kap.6/14)"]
    E --> E1["Wurzelfäule → Kap. 9"]
    F --> F1["HLVd-Verdacht (Viroid) → Labortest (PCR)!"]

Fotos (Phase 4, Pflicht): Echter vs. Falscher Mehltau (Ober-/Unterseite), Botrytis im Blütenkern, faule Wurzel, und ein „Dudding"-Vergleich (HLVd vs. gesunde Schwesterpflanze).


🧮 Interaktiv-Hook (SF-1)

Tool: Krankheits-Diagnose + HLVd-Risikocheck.

  • Eingabe: Symptome (Belag oben/unten, Blütenfäule, Wurzelbild, Kümmern ohne Schädling), Klimawerte, Herkunft der Pflanzen (Stecklinge?).
  • Ausgabe: wahrscheinliche Krankheit, Sofortmaßnahmen, bei unspezifischem Kümmern ein klarer HLVd-Test-Hinweis inkl. Probenahme-Tipp (Wurzeln, Woche 3).
  • Nutzen: lenkt den Blick früh auf das oft übersehene HLVd statt auf scheinbare „Mängel".

✅ Checkliste

  • Blüte rF < 50 %, kräftige Umluft (→ Kap. 6)
  • Werkzeuge vor jedem Schnitt sterilisiert (Bleiche/Isopropanol)
  • Neue Pflanzen/Stecklinge 2–4 Wochen Quarantäne
  • Nur getestetes/sauberes Vermehrungsmaterial
  • Kaliumbicarbonat gegen Mehltau parat (auch blütentauglich)
  • Kein Schwefel/keine ungeeignete Chemie in der Blüte
  • Bei unerklärlichem Kümmern: HLVd-PCR-Test statt Dünger
  • Befallenes Material großzügig entfernen, nicht kompostieren

📚 Quellen

Stufen: S1 = Peer-Review · S2 = Uni/Behörde · S3 = Fachliteratur · S4 = Hersteller/Branche · S5 = Forenkonsens. Volle Angaben in UGG-QUELLEN.md.

  • [Q14] (S2) PNW Handbook — Botrytis (Klima).
  • [Q19] (S4) Medicinal Genomics — Botrytis.
  • [Q25] (S5) GroWell — Wurzelfäule/Pythium.
  • [Q52] (S2) Oregon State University Extension — Hop Latent Viroid in Hemp.
  • [Q53] (S1) Transmission, Spread, Longevity and Management of Hop Latent Viroid (peer-reviewed) — Übertragung, Test, Sterilisation, Gewebekultur.
  • [Q54] (S1) Evaluation of disease management approaches for powdery mildew on Cannabis sativa — Mehltau-Management.
  • [Q55] (S3) Ed Rosenthal — Identify, Prevent, and Treat Powdery Mildew.
  • [Q56] (S4) AROYA — Powdery mildew: causes and prevention.

🔑 Zusammenfassung

Krankheit Kernpunkt Beleg
Echter Mehltau weißer Belag oben; K-Bicarbonat + Luft Q54, Q56
Falscher Mehltau Belag unten; Klima/Drainage
Botrytis rF < 50 %, sofort entfernen Q14, Q19
Wurzelfäule Wasser kühl + sauerstoffreich (Kap. 9) Q25
HLVd symptomloses Viroid; testen, Hygiene, keine Heilung Q52, Q53
Goldene Regel Prävention + großzügiges Entfernen schlägt Behandlung

Weiter: Kapitel 24 — Mangelerscheinungen UGG V3 — erstellt 2026-06-17 — alle Tatsachenbehauptungen mit Quelle belegt.